Neue Zürcher Zeitung, 9. Juli 2026 – Meinung & Debatte
Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern gibt es eine auffällige Asymmetrie.
Dem jüdischen Staat werden durchgehend höchste zivilisatorische Standards abverlangt,
während solche umgekehrt kaum eine Rolle spielen. Gastkommentar von Jan Kapusnak
In Teilen des westlichen Diskurses – besonders bei der progressiven Linken – erscheint eine Annahme zur Doktrin verhärtet: Palästinenser verfügten über keine autonome politische Handlungsfähigkeit. Gerne werden sie als Opfer und Geiseln der Geschichte gezeichnet; Politik ist etwas, was ihnen widerfährt; Gewalt wird zu «Verzweiflung». Verantwortung liegt stets ausserhalb und fast immer bei Israel. Man spricht über Palästinenser statt mit ihnen. Das wird als Empathie verkauft. In Wirklichkeit handelt es sich um Infantilisierung.
Diese Infantilisierung verzerrt den israelisch-palästinensischen Konflikt, indem sie die politische Stellung der Palästinenser schwächt, Radikalismus belohnt und Israel unverhältnismässigen internationalen Druck aufbürdet. Sie unterstellt, Palästinenser könnten nicht an gewöhnlichen Massstäben gemessen werden, weil ihre Umstände «zu extrem» seien. Von Palästinensern wird nicht erwartet, dass sie ihr Schicksal selber in die Hand nehmen – verlangt wird, dass sie gerettet werden.
Politik der Abhängigkeit
Eine der ältesten Formen von «Fürsorge ohne Mündigkeit» ist die United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees (UNRWA), gegründet 1949. Sie wurde geschaffen, um Nothilfe, Gesundheitsversorgung und Basisdienste zu leisten, hat jedoch zugleich eine Politik permanenter Abhängigkeit verfestigt. Während das Flüchtlingshilfswerk des UNHCR für alle anderen Flüchtlingsprobleme weltweit zuständig ist, betreibt die UNRWA ein separates Regime, in dem der Status «Palästina-Flüchtling» seit 1948 auf sämtliche Nachkommen ausgeweitet wird – wodurch sich eine Übergangskategorie in eine vererbte politische Identität verwandelt.
Diese Struktur lindert nicht nur Not: Sie verlagert die Last des Lebens auf internationale Betreuer, statt Selbständigkeit, rechenschaftspflichtige Regierungsführung und politischen Kompromiss zu fördern. Sie erhält zudem maximalistische Erwartungen aufrecht, vor allem ein expansives «Rückkehrrecht», verstanden als Rückkehr von Millionen Nachkommen nach Israel innerhalb der Grenzen von vor 1967 – ein Szenario, das eine mögliche Zweistaatenlösung ad absurdum führt.
Der wohl gravierendste Widerspruch ist: Dasselbe Gaza, das in weiten Teilen der Welt als hilfloses humanitäres Mündel erscheint, hat sich als hochgradig handlungs- und leistungsfähig erwiesen. Über Jahrzehnte waren die Hilfsströme in den Gazastreifen und ins Westjordanland enorm. Doch statt dass man «ein zweites Singapur» aufbaute, wurden Ressourcen und Talent in den Bau eines der raffiniertesten Tunnel- und Kommandosysteme investiert, das ein gewaltsamer nichtstaatlicher Akteur in der modernen Kriegführung geschaffen hat. Diese Fähigkeit zeigte sich auch in der Planung des 7. Oktober – des grössten Massenmords an Juden seit dem Holocaust –, einer beispiellos grausamen Operation, die jahrelange Koordination erforderte. Auch die UNRWA war darin verstrickt.
Nach massiven Angriffen der Hamas und anderer palästinensischer Terrorgruppen greifen westliche Politiker gerne zur Beruhigungsformel: «Die Hamas repräsentiert nicht das palästinensische Volk.» Doch diese Formel verwischt den Begriff von Verantwortung. Die Hamas wird als fremde Macht behandelt, die Gaza bloss «gekapert» habe, während die Bewohner Gazas zu Zuschauern ihres Schicksals gemacht werden.
Das lässt sich schwer mit der gut dokumentierten, umfangreichen Beteiligung von zivilen Kämpfern am 7. Oktober vereinbaren; und selbst wenn diese anerkannt wird, wird sie oft durch einen zweiten Schritt neutralisiert: Palästinensische Gewalt wird zum Reflex auf «Besetzung» umgedeutet und gilt nicht als Bündel von Entscheidungen. Israel hingegen wird dämonisiert – seine Handlungen gelte als kühl kalkuliert und generalstabsmässig geplant, selbst wenn es auf Gewalt reagiert, die andere begonnen haben.
Palästinenser werden im Westen routinemässig als von der Hamas abgekoppelt beschrieben, obwohl diese darauf besteht, gesellschaftlich tief verankert zu sein. So nennt sich die Hamas «ein untrennbarer Teil des palästinensischen Volkes» mit «tiefen Wurzeln» und bezeichnet sich als «natürlichen Bestandteil» des nationalen Mosaiks; sie stellt «bewaffneten Widerstand» als zentral dafür dar, den Geist des Volkes zu erhalten. Zugleich zeichnet sie ihre ideologische Abstammung von der ägyptischen Muslimbruderschaft nach. In westlichen Debatten wird diese Selbstbeschreibung oft als Propaganda abgetan – doch die «Free Palestine»-Aktivistenszene bestätigt und feiert ebendiese gesellschaftliche Verankerung.
Wenn aus Umfragen in Gaza klar eine palästinensische Unterstützung für den Terror gegen
israelische Zivilisten hervorgeht, wird dies im Westen selten als politische Überzeugung betrachtet. Die Reaktion hierauf folgt dem Tenor: Palästinenser sind unfähig, verstörende Ansichten aus eigenem Antrieb zu vertreten; daher wird ihre Position «übersetzt» in etwas Akzeptableres – in Angst, Frustration, Trauma oder «Radikalisierung durch Verzweiflung» – oder gleich ganz ignoriert.
Gaza ist kein Naturkatastrophengebiet; es ist ein Gemeinwesen, geprägt von fast zwei Jahrzehnten autoritärer Hamas-Herrschaft. Nach dem Wahlsieg 2006 und der gewaltsamen Machtübernahme 2007 baute die Hamas einen Kontrollapparat aus – Sicherheitskräfte, Patronage, soziale Institutionen – und bettete ihre Kriegsmaschinerie in den zivilen Raum ein, um die zivile Gefährdung zu maximieren und die eigene Verwundbarkeit zu minimieren. Dennoch wird das Regime behandelt, als habe es Zivilisten gegenüber keinerlei Pflichten – selbst wenn es Zivilisten im Krieg als menschliche Schutzschilde nutzt.
Hang zum Fernurteil
Das moralische Drehbuch des Westens kehrt die Wirklichkeit um: Israel wird gezielter Brüche des humanitären Völkerrechts bezichtigt, während man über die genozidalen Ziele und systematischen Verstösse der Hamas die Achseln zuckt. Stadt- und Tunnelkrieg gegen todbereite jihadistische Terrorgruppen gehört zum Brutalsten, was Kampfführung angeht; dennoch war das Verhältnis zwischen zivilen und kombattanten Opfern bei Israels Einsätzen ungewöhnlich niedrig – ein Indiz für die Bemühungen der israelischen Streitkräfte, Kollateralschäden zu begrenzen. Gazas Verwüstung ist vor allem das Produkt militärtaktischer Entscheidungen der Hamas. Wie Khaled Mashal, der Auslandchef der Hamas, 2024 sagte: «Kein Volk wird ohne Opfer befreit. Gaza zahlt den Preis der Würde.»
Infantilisierend aber wirkt auch das Bauchreden. In progressiven aktivistischen und medialen Milieus werden häufiger palästinensische Positionen erzählt, als Palästinenser selber gehört: Fern und Aussenstehende erklären, was Palästinenser «wirklich wollen», welche Stimmen «authentisch» seien und welche Meinungen als erzwungen oder unrepräsentativ abgetan werden sollten. Handlungsfähigkeit wird zur Konditionalität – anerkannt nur, wenn sie in die «richtige» Richtung weist.
Diese Dynamik wäscht am Ende das heilsgeschichtlich-apokalyptische Weltbild der Hamas weiss. In Teilen des westlichen propalästinensischen Milieus wird deren Sprache des «Widerstands» normalisiert, ihr Autoritarismus verharmlost, und Palästinenser, die Reform, Koexistenz oder ein Ende der Hamas-Herrschaft fordern, werden an den Rand gedrängt – während maximalistische Parolen und ein Kult des «Märtyrertums» als das einzig authentische Register palästinensischer Politik gelten. Wenn Einwohner Gazas gegen die Hamas protestieren, verdampft dieses Narrativ oft.
Wenn in Gaza Hamas-Gegner als «Kollaborateure mit der zionistischen Entität» gebrandmarkt und öffentlich hingerichtet werden, wird es in der Aktivistenszene auffällig still. Es gibt tatsächlich Palästinenser, welche die Hamas ablehnen – und sie verdienen weit mehr Aufmerksamkeit, als westliche Infantilisierungsskripte es erlauben.
Auch das Ökosystem aus humanitären und Menschenrechts-NGO kann die Infantilisierung
der Palästinenser verstärken, indem es diese fast ausschliesslich als Hilfeempfänger und Traumatisierte darstellt. In der Israel-Palästina-Arena fungieren viele einflussreiche NGO zudem als politische Akteure: Sie produzieren einseitige, anklagende Narrative, die kaum überprüfbar sind, schreiben Israel vollen Vorsatz und Schuld im juristischen Sinn zu und rücken die Hamas in den Hintergrund als blosse «Militante» – nicht als die herrschende Macht mit Pflichten gegenüber Zivilisten.
Ein Blick auf Abbas
Die Infantilisierung endet nicht in Gaza. Im Westjordanland wird die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) weniger als Regierungsregime behandelt denn als fragiler humanitärer Platzhalter. Mahmud Abbas führt die PA seit 2005; sein Wahlmandat lief 2009 aus, und seither fanden weder Präsidentschafts- noch Parlamentswahlen statt. In diesem Weltbild erscheint Israel als massgeblicher Grund für das Fehlen von Demokratie. Entscheidungen der palästinensischen Führung werden zur Nebensache.
Umfragen zeigen wiederholt grosse öffentliche Frustration – deutliche Mehrheiten wollen Abbas’
Rücktritt, Korruption gilt weithin als endemisch –, und dennoch behält die PA diplomatische Legitimität und erhält beträchtliche finanzielle Unterstützung, während auf Transparenz und Reform abzielender Druck stark begrenzt bleibt. Das signalisiert palästinensischen Eliten, dass Macht ohne demokratische Kontrolle und personelle Erneuerung ausgeübt werden kann, während Reformern gesagt wird, Rechenschaft könne auf unbestimmte Zeit vertagt werden.
Die Infantilisierung wirkt auch rückwärts – durch Geschichte. Die «Nakba» (der arabische Begriff für Krieg und Vertreibung im Jahr 1948) wird im westlichen Diskurs oft so erzählt, als sei sie den Palästinensern einfach widerfahren. Es mangelt deutlich an der Aufmerksamkeit für den vorausgehenden politischen Entscheid: die Ablehnung des Uno-Teilungsplans von 1947 und den Entschluss arabischer Führer, Krieg zu führen, um einen jüdischen Staat zu verhindern. Das war keine unvermeidliche Kettenreaktion; es war ein strategisches Wagnis mit vorhersehbaren Konsequenzen. Wäre ein Sieg gelungen, mag man sich nicht ausdenken, was wohl, gemessen an der herrschenden arabischen Vernichtungsrhetorik, mit der jüdischen Gemeinschaft geschehen wäre. Nach dem desaströsen Scheitern des Feldzuges indes wurde die Niederlage in eine reine Opfergeschichte umgedeutet und die Verantwortung nach aussen verlagert.
Seit Jahrzehnten wird ein Geist chronischer Ablehnung gegenüber den vielfachen diplomatischen
Vorstössen vonseiten Israels in ähnlicher Weise als unausweichlich weichgezeichnet, statt dass er als Strategie mit Konsequenzen behandelt würde.
Als die arabisch-israelische Normalisierung durch die Abraham-Abkommen voranschritt, verurteilte die palästinensische Führung diese als Verrat. Die Hamas betrachtete insbesondere eine israelisch-saudische Normalisierung als strategische Bedrohung, und das Massaker vom 7. Oktober zielte darauf ab, sie zu torpedieren. Folgenreiche Entscheidungen werden so erzählt, als hätten Palästinenser
nie etwas zu entscheiden gehabt. Das Ergebnis ist historische Amnesie.
Wer palästinensische Staatlichkeit ernsthaft will, sollte auf politischer Mündigkeit bestehen. Es gilt, die UNRWA aufzulösen, zu rechenschaftspflichtigen, abwählbaren Führungen zu gelangen, demokratische
Institutionen gegen islamistischen Terror aufzubauen und ein moralisches Vokabular zu wählen, das den Todes- und Märtyrerkult hinter sich lässt. Unabdingbar ist, ein zentrales Hindernis für Frieden zu benennen: langlebige dominante jihadistische Strömungen in der palästinensischen Gesellschaft, die keine Koexistenz mit Israel wollen, sondern einzig und allein dessen Auslöschung.
Jan Kapusnak lebt als freier Autor in Tel Aviv und schreibt
über den Nahen Osten, Israel sowie geopolitische Themen.