DER EXTERNE STANDPUNKT Genozid in Gaza? Nein. Nur Wahrheit schafft Klarheit.

An dieser Stelle schrieben vor einer Woche zwei ­Autorinnen, Israel habe in Gaza einen Genozid begangen. Das ist falsch – und entspricht nicht der Mehrheitsmeinung unter Juden in der Schweiz, meint Sacha Wigdorovits.

In einem Gastbeitrag in der «NZZ am Sonntag» vom 24. November behaupten Adina Rom und Shelley Berlowitz, Israel habe bei seinem Krieg in Gaza gegen die Terrororganisation Hamas Völkermord begangen. Quasi um dies zu untermauern, weisen sie darauf hin, dass sie jüdisch sind. Was wohl heissen soll: Wenn sogar wir Juden der Meinung sind, dass Israel in Gaza Völkermord begangen habe, dann muss es so sein.

Entgegen dem, was Berlowitz und Rom suggerieren, wird diese Meinung von kaum einem Schweizer Juden geteilt.

Denn worauf beruht die Behauptung, dass Israel in Gaza einen Völkermord begangen habe? Auf vier Vorwürfen. Erstens: auf der grossen Zahl von Opfern (die Gesundheitsbehörde in Gaza spricht von 60 000 Toten). Zweitens: auf der Tatsache, dass die israelische Armee auch Spitäler, Schulen und Wohnhäuser angegriffen hat. Drittens: auf der Behauptung der Uno, in Gaza habe eine Hungersnot geherrscht, weil Israel die Lieferung von Hilfsgütern zeitweilig verboten habe. Viertens: auf den Äusserungen einiger rechtsextremer israelischer Politiker, die Bevölkerung von Gaza müsse vernichtet oder vertrieben werden. Alle vier Argumente sind kein Beweis dafür, dass Israel in Gaza einen Genozid verübt hat. Hingegen gibt es zahlreiche Fakten, die genau das Gegenteil belegen.

Schon die Zahl von 60 000 Todesopfern, so entsetzlich sie scheint, ist zu relativieren. Nicht nur weil sie unüberprüfbar ist und von einer Hamas-Behörde stammt, sondern auch weil dabei nicht nach Zivilisten und Kombattanten unterschieden wird. Die Tatsache, dass ein überdurchschnittlicher Teil der Opfer männlich und im Erwachsenenalter war, deutet auf Letzteres hin. Nämlich dass es sich bei vielen Getöteten um Terroristen handelte.

Einen noch deutlicheren Beweis, dass Israel keine Absicht hatte, in Gaza einen Genozid zu begehen, lieferte das Verhalten der Armee. Diese warnte jeweils die Bevölkerung im betreffenden Gebiet mittels Textnachrichten, Anrufen und Flugblättern vor ihren Angriffen und gab ihr Fluchtrouten an, damit sie sich in Sicherheit bringen konnte. Ein Völkermord geht anders.

Auch die israelischen Angriffe auf Spitäler, Schulen und Wohnhäuser erfolgten nicht, um Zivilisten zu töten, sondern weil Hamas-Kämpfer von dort aus operierten. In diesem Fall erlaubt das Kriegsrecht (Artikel 52 des 1. Zusatzprotokolls der Genfer Konventionen) Angriffe auf solche Einrichtungen, da diese dann als «militärisch» gelten. Genauso verhält es sich mit dem zeitweiligen Verbot, Hilfsgüter einzuführen, wie es Israel an den Grenzen zu Gaza zwischendurch anwandte. Artikel 23 der Genfer Konventionen erlaubt eine solche Blockierung, falls die Gefahr besteht, dass die Hilfsgüter vom Feind für militärische Zwecke genützt werden.

Dies war in Gaza der Fall: Videos, Drohnenaufnahmen und Augenzeugen bewiesen x-fach, dass die Hamas Hilfsgütertransporte kaperte, um sie für sich selbst zu horten oder auf dem Schwarzmarkt weiterzuverkaufen und damit die eigene Kriegskasse zu füllen.

Haltlos ist auch der Vorwurf, in Gaza habe wegen der Blockade der Hilfe eine Hungersnot geherrscht. Um Israel dafür anprangern zu können, hatte die Uno für Gaza den Begriff «Hungersnot» doppelt so weit gefasst, wie sie dies sonst tut, etwa im Sudan.

Genauso daneben ist schliesslich die Begründung, israelische Politiker der extremen Rechten hätten ja selbst Genozid-Absichten geäussert. Das stimmt zwar und ist inakzeptabel. Aber daraus eine Regierungspolitik abzuleiten, ist absurd und böswillig.

Aus allen diesen Gründen ist die Anschuldigung haltlos, Israel habe in Gaza Völkermord begangen. Diese Behauptung hat nur ein Ziel: den jüdischen Staat zu delegitimieren. Doch Diffamierungen schaffen keine «Klarheit». Nur die Wahrheit kann dies.

Bleibt die Frage: Woher rührt die Obsession westlicher, inklusive gewisser jüdischer Kreise, Israel im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg zu dämonisieren?

Die Antwort darauf gab der slowakische Autor Jan Kapusnak dieser Tage in der NZZ. Er diagnostizierte dort dem Westen, dass dieser unter dem Einfluss der politischen Linken ­aufgrund seiner Erfolge und seiner Geschichte zunehmend von einem schlechten Gewissen und Selbsthass geplagt werde. Und die perfekte Zielscheibe, um diesen Selbsthass nach aussen zu projizieren, sei das wirtschaftlich erfolgreiche, technologisch fortschrittliche, ­militärisch starke, demokratische und selbstbewusste Israel.

«Der jüdische Staat wird zum Blitzableiter für Sünden der eigenen Imperial- und Kolonialzeit», schreibt Kapusnak in der NZZ und schliesst mit den Worten: «Die westliche Welt hat sich unter dem Einfluss breit gestreuter antisemitischer Propaganda bereits weit von ihrem moralischen Fundament entfernt – und die Zeit, den Kurs zu ändern, läuft ab.»

Sacha Wigdorovits, 73, ist Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Contract Media AG und Präsident des Vereins Fokus Israel und ­Nahost, der die Plattform www.fokusisrael.ch ­betreibt.

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