admin (29. Okt 2004, 13:04)
Rede auf dem Basler Marktplatz am 24. Oktober 2004
Meine Damen und Herren
Ich
bin zu dieser Veranstaltung gekommen, weil ich hier meine Solidarität
mit Israel und meine Parteinahme für Israel ausdrücken möchte. Ja,
meine Parteinahme. Ich bin nicht neutral; und ich kenne auch keinen,
der im Blick auf den tragischen und vertrackten
palästinensisch-israelischen Konflikt neutral wäre Was wir in den
Schweizer Medien von einer Reise von Parlamentariern der neutralen
Schweiz in den Nahenosten kürzlich lesen konnten, war eine einzige
Schuldzuweisung an Israel. Sie waren erschüttert von der elenden Lage
der Palästinenser. Das kann ich sehr gut verstehen. Ständerat Bruno
Frick wurde mit dem Satz zitiert: „Wir dürfen keine Hemmungen haben zu
kritisieren, was kritisiert werden muss“. Doch die Kritik, die ich von
ihm gelesen und gehört habe, ging nur an die israelische Seite. Hier
war er in der Tat ohne Hemmungen. Aber neutral war er nicht.
Ich
ergreife also Partei, weil ich es für ungerecht halte, wie Israel und
immer wieder nur Israel auf die Anklagebank gesetzt wird. Ich ergreife
Partei, weil ich die sogenannte Zweite Intifada (das arabische Wort
heisst „Abschütteln“ und wird für Ungeziefer gebraucht) nicht nur für
einen katastrophalen Irrweg halte, sondern für einen Zermürbungskrieg,
der auf der Seite der bestimmenden palästinensischen Akteure zur
Zerstörung des jüdischen Staates führen soll. Wenn ich von bestimmenden
palästinensischen Akteuren spreche, dann meine ich vor allem Arafat und
die terroristischen Gruppierungen wie Hamas, die Al Aksa-Brigaden, die
Hizbullah und andere. Ich weiss, dass es andere, friedensbereite,
moderate Palästinenser gibt. Und es gibt auch scharfe Kritiker der
militarisierten Intifada. Der ehemalige palästinensische
Ministerpräsident Mahmoud Abbas, den Arafat zum Rücktritt gebracht hat,
zählt dazu, um nur ihn zu nennen. Ihn wird man wohl für
propalästinensisch halten. Wo sind die propalästinensischen Kreise
hier, die diese Kritik unterstützen bei uns, laut und deutlich? Die den
menschenverachtenden, mörderischen, selbstzerstörerischen Aberwitz als
solchen anprangern?
Ich
ergreife deshalb für Israel Partei, weil ich dessen Recht auf
Selbstverteidigung anerkenne und es ablehne, die gezielten
terroristischen Angriffe auf Zivilisten in Israel auf eine Stufe mit
den israelischen Selbstverteidigungsmassnahmen zu stellen. Ich lehne
damit nicht ab, dass einzelne israelische Massnahmen zur
Selbstverteidigung kritisiert werden können. Ich weigere mich aber, den
hinterhältigen Terror mit Blick auf die israelische Selbstverteidigung
zu relativieren. Und ich geselle mich auch nicht zu den zahlreichen
selbstgerechten und selbsternannten Oberrichtern über Israel, die es
besser wissen, wie man die mörderischen Angriffe verhindert, obwohl sie
hoch und trocken sitzen. Ja, es stimmt, dass es hässliche, sehr
hässliche Massnahmen gibt. Dazu gehört auch der Sperrzaun. Aber wer
weiss es besser, wie Israel seine Zivilbevölkerung schützen kann?
Immerhin sind die Terroranschläge dort, wo der hässliche Sperrwall
steht, drastisch gesenkt worden. Und ich gestehe: Ich würde auch
hässliche Dinge tun, wenn ich es müsste, um meine Kinder besser davor
zu schützen, von Bomben zerrissen zu werden. Aber selbst wenn die
Israelis sich wie Engel benähmen, man würde immer etwas an ihnen
finden, um von denen zu schweigen, die ihren Staat sowieso vernichten
wollen.
Ich
bin nicht neutral, das stimmt. Aber ich habe Erfahrungen und kann
Schlüsse aus ihnen ziehen. Ich war ein Anhänger des Oslo-Prozesses. Ich
war und bin noch ein Anhänger einer Zweistaatenlösung. Ich habe
gehofft, dass die Verhandlungen in Camp David im Jahre 2000, dass die
Verhandlungen in Taba noch 2001, obwohl die Zweite Intifada schon
terroristisch angeheizt war, einen Kompromiss erzielten. Wie viele auch
im israelischen Friedenslager bin ich nach dem Scheitern dieser
Bemühungen enttäuscht und desillusioniert auf die Welt gekommen. Wie
viele habe ich lange Zeit das Doppelspiel Arafats ignoriert. Als er
1974 in der Uno auftrat und sagte, er trage den Olivenzweig und den
Revolver des Freiheitskämpfers bei sich, da habe ich das eher als eine
alberne theatralische Geste angesehen. Zu Beginn des Osloprozesses
hoffte ich, er wird vom Terrormeister zum Staatsmann sich wandeln. Als
er jedoch im Jahre 2000 die historische Chance eines palästinensischen
Staates vermasselt hat und den Krieg der Intifada orchestrierte, ist
spätestens klar geworden, dass er und seine Camarilla nie die
Verantwortung für einen Kompromiss mit Israel übernehmen werden. Selbst
unter den Palästinensern findet sich diese Einschätzung. In der NZZ vom
Freitag konnte man lesen, dass der Leiter einer psychologischen
Hilfsorganisation in Gaza für traumatisierte Menschen die Schuld für
die desolate Lage Arafat gibt wegen seines „Doppelspiels von Frieden
und Terror“. Es gehört Mut dazu, so offen zu sprechen; freilich in
Gaza, nicht in Europa. Europa könnte diesen Mut belohnen, indem es
Arafat klar vor die Alternative stellt: Wenn Terror, kein Geld, wenn
der Terror beendet wird, dann unterstützen wir Euch wieder. Und in
keinem Fall Geld für Terror. Aber Europa …
Ich
ergreife also Partei gegen diese mörderische Katastrophenpolitik
Arafats und der bestimmenden palästinensischen Akteure, wenn ich mich
mit Israel solidarisiere. Aber ich ergreife nicht Partei gegen das
palästinensische Volk. Der grösste Gegner seines berechtigten Anspruchs
auf Selbstbestimmung und ein Leben in Würde und Wohlfahrt ist jedoch
nicht Israel, es ist seine eigene Führung. Vor der Zweiten Intifada
ging es den palästinensischen Menschen wirtschaftlich so gut wie nie
zuvor, gerade weil aufgrund des Osloprozesses die wirtschaftliche
Kooperation mit Israel zu blühen begann. Auch das ist nun zunichte
gemacht worden vom Intifadakrieg, und auch Israel hat wirtschaftlich
Schaden erlitten.
Und
die immer wieder genannte „Besatzung“? Ja, da erinnere ich mich daran,
dass im Zuge des Osloprozesses Zonen gebildet wurden, in der eine
vollständig unter palästinensische Kontrolle auch hinsichtlich der
Sicherheit gekommen war und aus der die israelische Armee sich
zurückgezogen hatte. Auch und gerade aus dieser vollständigen
Autonomiezone heraus wurde der Terror orchestriert, ohne dass Arafat
ihn unterbunden hat. Im Gegenteil, es war dieses Gebiet, in dem
Militante und Extremisten Unterschlupf fanden. Und wenn sie auf
öffentlichen Druck solche Leute festgenommen haben, haben sie sie aus
der Hintertür des Gefängnisses gleich wieder rausgelassen. Das
„Drehtürprinzip“.
Es
geht den bestimmenden Akteuren nicht um das Ende der „Besatzung“,
sondern um die Zerstörung des jüdischen Staates durch permanente
Attentate auf Zivilpersonen in Israel. Propagandistisch wird dies darum
seit einiger Zeit auch durch die Wiederauflage des Modells der
binationalen Einheitsstaatslösung begleitet, welche per se die
Eliminierung eines jüdischen Staates bedeutet. Auf der Seite des
terroristischen Hauptakteurs, der Hamas, ist dieser Kampf ausweislich
der Charta der Hamas (und ich nehme sie ernst und halte sie nicht für
Rhetorik) zugleich der Anfang eines Kampfes gegen das Judentum
überhaupt. Was dieser Zermürbungskrieg nicht durch Gewalt erreicht hat,
hat er bei nicht wenigen propagandistisch erreicht. Israel trifft in
seiner Selbstverteidigung auf ein zunehmendes, sich auf alte
antijüdische Traditionen stützendes Ressentiment in der europäischen
Oeffentlichkeit, vom offiziell geschürten Hass in arabischen Staaten
ganz zu schweigen. Die Frage nach der Legitimität nicht nur der
Aktionen dieses Staates, sondern des Staates selbst ist salonfähig
geworden. Die Sicherheitsinteressen werden allenfalls theoretisch
akzeptiert. Wann immer sie konkret wahrgenommen werden, werden sie
durchgehend kritisiert. Die Internationale der Israelfeinde
instrumentalisiert Organisationen der UNO und andere Organisationen.
Dies
ist in aller Kürze meine Einschätzung der Situation. Man muss sie nicht
teilen. Ich sehe es so und glaube, dafür gute Gründe zu haben. Ich
halte dafür, dass sich Israel in einer ernsten Situation befindet,
deshalb trete ich für Israel öffentlich ein. Ich halte dafür, dass eine
solche Situation für Israel auch eine ernste Situation für eine Kultur
ist, die sich über ihre eigene Gewaltgeschichte gegen Juden aufklärt
und ihre Wiederkehr bekämpft, und zwar auch um ihrer selbst willen. Es
ist nicht zu übersehen, dass die palästinensischen Akteure den
Antisemitismus schüren, dass er in arabischen Ländern floriert, dass er
in Europa blüht, verbal und physisch. Das kann, das darf man nicht
ignorieren.
Frieden
und Gerechtigkeit für Israel heisst nicht, keine Kritik zu üben. Ich
kritisiere aktuell zumal die Politik von Siedlerorganisationen und
rechtsgerichteten Politikern und Politikerinnen, die den Abzugsplan der
Regierung Sharon bekämpfen, nicht nur wegen der bedenklichen Mittel,
die dabei auch verwendet werden, sondern auch wegen ihrer ideologisch
begründeten Politik, die die pragmatische Linie des Zionismus in einer
entscheidenden Krise verlässt. Deshalb habe ich heute mit Genugtuung
zur Kenntnis genommen, dass das israelische Kabinenett den
Gaza-Abkoppelungsplan mit deutlicher Mehrheit angenommen hat. Aber, ich
muss sagen, dass ich die Debatte über die Frage, ob man nicht auch
Israel kritisieren kann, ohne antijüdisch zu sein, für eine akademische
halte, um nicht zu sagen für ein Ablenkungsmanöver. Man kann und man
tut, Aber man kann eben auch anders und tut anders. Deswegen ist das
Thema Antisemitismus nicht künstlich mit dem Thema Gerechtigkeit für
Israel verknüpft, leider nicht. Und deshalb, auch deshalb, habe ich
hier heute meine Solidarität ausgedrückt. Schliessen möchte ich, da ich
ja auch eine Theologe bin und ein klein bisschen hebräisch kann, so: Am
Yisrael chai.
Prof. Dr. Ekkehard W. Stegemann